Die Filmemacherin, Fotografin und Malerin Dore O. arbeitet mit Bildern, gleichgültig in welchem Medium sie sich bewegt sie arbeitet mit Bildern, die sichtbar werden und mit Bildern, die sichtbar machen, wobei der Ursprung dieser Bilder stets im unsichtbaren liegt und ihre Gegenwart sich ins Nicht-Sichtbare entgrenzt. Was dabei zum Vorschein kommt, was aufscheint und in Erscheinung tritt, ist bar jeder terarischen Bedeutung, verbalen Verordnung und theoretischen Verortung, sondern ich freigesetztes Bild, das weder vorgibt eine fadenscheinige und ist wesen usion von Wirklichkeit zu imitieren und zu reproduzieren, noch vordergründige stillgestellt symbolträchtig und zeichenhaft gerinnt.Diese Bilder verdichten sich eher schemenhaft und ungreifbar in im Raum und in der Zeit verschwebenden Palimpsesten, die vage wandernde Zentren von Bede umspielen und flüchtig wie im Traum, schwerelos wie im Flug, Erscheinungen Vorstellungen, Assoziationen, Projektionen, Wünsche und Stimmungen anscheinend Sichtbares und scheinbar Unsichtbares miteinander verknüpfen, da m imaginären und inflationären Sog insgeheim erfasst, sich sammelt einzig um sich zu verströmen.Dingfest ist in diesen Bildern, derer man nicht habhaft werden kann, nichts zu machen, doch man hüte sich davor, ihre Freizügigkeit mit Unverbindlichkeit in eins zu setzen. Vielmehr waltet in diesen Bildern eine strenge und unnachgiebige Disziplin, die jenseits der Worte nach dem Verschwinden der Wirklichkeit, ihrer Gewissheit und Ihrem Bewusstsein m Zwischenraum der Bilder den verdeckten und verschütteten Energien des Sichtbaren, die nicht domestiziert und nicht zielgerichtet im Untergrund und an der Oberfläche treiben, anscheinend im Verborgenen nachspürt stille Ahnung mutet Schweigen an.Technisch betrachtet, sind Dore O.’s Fotografien, die im Zentrum dieser Betrachtung stehen, Polaroidaufnahmen, die durch vielfältige Eingriffe und Manipulationen verändert, die Vorlage für die monumentalen Vergrößerungen sind, die den Endstatus dieser Arbeiten bezeichnen. Materielle Verletzungen und partielle Zerstörungen der Oberfläche, Kratzer, Einschnitte, Verzerrungen, Verwerfungen Verschiebungen der noch weichen und formbaren Bildschicht, mechanische und chemische Eingriffe in den Entwicklungsprozeß der Polaroidaufnahme, damit verbundene Verfärbungen, Übermalungen und Mehrfachbelichtungen, inszenierte Dramaturgie und aleatorische Momente verbinden sich in den Großformaten jenseits ihrer willkürlichen und unwillkürlichen Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte zum Bild, das alle technischen Prozesse und künstlerischen Manipulationen in sich aufhebt, zeitlos im Raum versammelt und verwandelt.Die Transformation der Technik gleichgültig wie vielschichtig und komplex sie ist kulminiert im Bild, in dem sich die unterschiedlichen Verfahren und verschiedenartigen Potentiale durchkreuzen, überlagern und zum Einstand kommen, denn die Metamorphose von zeitlichen Prozessen und Prozeduren in räumliche Beziehungen und Bezüge ist in diesen Arbeiten mit ihrer Gleichordnung identisch. Diaphan und simultan verkörpern sie keine unterschiedlichen Bildebenen, sondern entfalten widersprüchliche Potentiale, indem jede Verhüllung zugleich eine Enthüllung ist, jede Überlagerung nichts anderes als den durchscheinenden Grund dieser Bilder hervortreten lässt. Wesentlich ist, dass jedes Bild mehrere Bilder ist.In ihrer reinen Sichtbarkeit und schieren Gegenwärtigkeit sich diese Bilder nach allen Seiten fraglos in ihrem Sein scheinen sie Zeit und gesichtslos zu sein, beziehungsweise in ihrer Beziehbarkeit und der sich Alltägliches und Archaische ebenso vermittelt und unvermutet trifft wie offenbares und Offenbartes.Privatheit, die in den Studien und Porträts, den Details der Inszenierung, in scheinbar vertrauten Silhouetten und anscheinend bekannten Gesten auftaucht Nachbild, verwandelt sich unversehens in Intimität, in der die Nähe Voraussetzung und Gradmesser einer uneinnehmbaren Distanz ist, vor der jede geschwätzige Schilderung verstummt und jede wortreiche Erklärung versagt.In der Intensität der Wahrnehmung verdichtet sich offen Vertrautes unausweichlich atmosphärisch bis zur Unerträglichkeit, gesättigtes, übersättigtes Sein, das plötzlich bedeutungslos ist und schlagartig entrückt unweigerlich dem Zugriff entzogen, indem jede Form der Privatheit, der Anschein der Vertrautheit dem Geheimnis preisgegeben wird.Diese Bilder sind nicht handhabbar und auslegbar, sondern ganz bei sich in ihrer bedingungslosen Offenheit hermetisch verschlossen Rationalität setzt aus, Visionen ziehen durch den Kopf und auch vorüber Gedankenfetzen treiben haltlos durch den Raum, Wirklichkeitsfragmente verlieren sich in Phantasmagorien und Halluzinationen, unauflöslich schweben Schwaden, die das Bild verunklären, das sich nur verhüllt jenseits von Sein und Schein entdecken kann, denn alle Grenzen sind bedeutungslos, hat Wirklichkeit erst ihren Ort verloren.Wirklichkeit, ganz Projektion, versinkt in sich, im Strom der Bilder, die Dore O. in ihren Arbeiten entfesselt, traumverloren, ganz bei sich, ist der Traum verloren und Wirklichkeit ist Helle, in der Mitte des Seins bar jeden Seins reiner Schein, gleißend verzaubert die Entzauberung, die das Wort nicht lösen kann. Euphorie Licht treibt im Licht, überblendet Schein den Schein, allein schwarze Spiegel fressen Licht.Und so fällt mit diesen Bildern ein neues Licht. das wie der Blitz aus dem Dunkel kommt und aus dem Nichts ein Licht, das Wirklichkeit trifft wie ein Boomerang, im Schattenwurf, im Ungewissen, Ungesagten, Ungesehenen ein Looping von hinten rückwärts aus dem Dunkel der Nacht im Horizont der Freiheit.

 

Prof. Dr Karin Stempel

Schatten gibt der Form eine flüchtige Gestalt, die sich verselbständigt und selbst wiederum zur Form wird. Dabei gibt es viele Arten von Schatten: Halbschatten, Körperschatten, Kernschatten, Schlagschatten und damit ebenso viele Gestalten, die aus dem Schattenreich hervorgehen und zur Form werden bis zu dem Punkt, an dem die Formen über ihren eigenen Schatten springen und ihn in sich aufheben so wie sie in ihm aufgehoben sind.Agens dieser wechselseitigen Durchdringung ist die Projektion, in der Raum und Fläche in sich verspringen so wie im Akt des Sehens, das, was in und und hinter den Dingen ist, und das, was inneres oder äußeres Bild ist zusammenfällt Schatten als Gegenstück zur Form, der Raum als Gegenstück zur Fläche, die innere Vorstellung als Gegenstück zur äußeren Projektion Dore O. gelingt es immer wieder neue Bilder aus dem Schattenreich hervorgehen zu lassen, wobei der Umstand wie man etwas sieht, darüber entscheidet, als was es sichtbar wird.Der Blick schweift zwischen Filmstreifen und streiflichternden Projektionen orientierungslos im Dickicht von Körper und Nicht-Körper, Hell und Dunkel, Licht und Schatten umher, ohne einen Ort zu finden, es sei denn in dem unendlichen und geschlossenen Kreis von Punkten, von denen aus er betrachtet werden kann. Dieser ortlose Ort ist Ursprung und Ziel von schemenhaften Bildern, in denen sich Ansichten, Aussichten, Aufsichten und Durchsichten ineinander verschachteln, eins auch immer das andere ist nicht orientierbare Mannigfaltigkeit und Vielfalt von Möglichkeiten, in der das Bild nur ein Moment inmitten von Projektionen, Reflexionen und Visionen ist.Zwischen visuellem Reiz und Vision, zwischen Erscheinen und Erscheinung überschreitet das Bild die Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbaren immerfort und unentwegt Sehe so wie und Erkennen, Erinnerung und Vergessen sich ineinander aufzulösen scheinen. Wenn Dore O. in ihren Arbeiten belichtetes Filmmaterial neben Projektionen von Sequenzen aus ihren eigenen Filmen verwendet, dann werden Bilder recycelt, die wie Spukgestalten rast- und ruhelos herumgeistern Fixe Projektionswände und -flächen lösen sich auf, Innen und Außen durchdringen sich so wie Vorder- und Rückseiten sich verschränken einziger Halt der eigene Schatten, der auf die Projektionen fällt, die ihm als aus ihm heraus geworfene Bilder gegenübertreten.Der Schatten ist das Gegenstück zur Persona, der Maske, die das Gesicht verbirgt. Sie aber ist Ort der Erscheinung, Grenze zwischen Innen und Außen, Membran und Schnittstelle zugleich, da wo alle Projektionen sichtbar werden, um gleichzeitig mit dem Blick von der je anderen Seite in den Schatten zurückgeworfen zu werden.Ein Schatten und eine Maske, ein Projektor und eine Leinwand dazwischen die als Bilder zurückgeworfenen Projektionen closed circuit, in dem der Blick des Betrachters sich verfängt.  

 

Prof Dr. Karin Stempel 2017 zum Buch „Glast“