Sofort im Bild?

Seit dem Ende der 60er Jahre beschäftigt sich Dore O. mit den Künstlerischen Mitteln der Fotografie, Ihr fotografisches Werk ist im Wesentlichen in Serien konzentriert, die sie zu einem Thema entwickelt. Dabei entstehen jedoch nicht die Aufnahmen selbst in Serie“, d.h. Als hintereinander in zeitlicher Abfolge „geschossene“ Sequenzen eines Augenblicks, sondern die Serie definiert sich durch die Fixierung auf ein Thema, einen Ort oder eine bestimmte Atmosphäre, die in mehreren und manchmal auch in nur einer künstlerischen Formulierung Ihr Ausdruck findet.In der Betrachtung dieser Fotografien erstaunt zunächst das so verwendete Material, denn es handelt sich ausnahmslos um Polaroid-Aufnahmen, sogenannte Sofortbilder. Dieses Ausgangsmaterial mag auf den ersten Anschein hin ungewöhnlich sein für eine künstlerische Gestaltung, da das Polaroid-Foto seit seiner Entwicklung nicht unbedingt zu den hochwertigen Techniken zählte und zählt, die sich für professionelle Anwendung anbieten, sondern im Gegenteil vor allem als Möglichkeit für die Laienanwendung konzipiert war. Das Sofortbild ist das schnelle, nicht formal gesicherte Dokumentationsfoto, dessen Wert in der Augenblicklichkeit liegt und seiner direkten Verfügbarkeit, ohne an den Fotografen hohe technische oder künstlerische Anforderungen zu stellen. „Wir bei Polaroid waren schon immer der Meinung, dass jeder Mensch die angeborene Fähigkeit besitzt, sich ästhetisch auszudrücken formulierte Dr.Erwin Land seine Produkt-Philosophie.In diesem Sinne nimmt das Polaroidfoto unter den konfektionierten Fotomaterialien für künstlerische Zwecke Sonderstellung ein. Das fotografische Bild wird „sofort“, d h. fast im Augenblick der Aufnahme sichtbar. Die Anwendung dieses Verfahrens hat neue Inhalte und Formen entstehen lassen, die bei Benutzung des klassischen Negativ/Positiv-Verfahrens bisher nicht auftraten. Dabei spielt der Zeitraum eine wesentliche Rolle, der zwischen dem Moment der Aufnahme und dem Zustand des fertigen Bildes liegt und einen Grad von technischer Anonymität und Distanz zwischen diese beiden Zeitpunkte bringt. Beim konventionellen fotografischen Prozess entfernt sich der Autor sowohl gedanklich als auch tatsächlich, räumlich und zeitlich zunehmend von dem Gegenstand seiner fotografischen Betrachtung. Er sieht ihn erst im fertigen Bild wieder. Die Erinnerung an Objekt und Augenblick ist nicht mehr momentan und wird von der faktischen Aufnahme selbst bestimmt, so dass der Gegenstand hinter sein Abbild zurücktritt. Das Sofortbild hebt diese Distanz weitgehend auf: Noch angesichts des Gegenstandes und der Aufnahmesituation entsteht das Bild, und es kann zu einer Gegenüberstellung und einem Vergleich kommen.Dore O. beschäftigt sich mit dem Medium des Polaroids in besonderer Weise. Bei den Aufnahmen verwendet sie die 320 Polaroid Land-Camera, den frühen Kameratyp, der noch eine direkte Bearbeitung des Filmmaterials zulässt. Dabei ist das ausschlaggebende Motiv zur Beschäftigung mit dem Polaroid für sie die Möglichkeit, das entstandene Foto selbst wieder zu bearbeiten und zwar nicht fotografisch, sondern gleichsam malerisch-zeichnerisch,und damit eine weitere künstlerische Setzung zu vollziehen als „Symbiose zwischen Malerei Fotografie“. Diesem Ansatz kommt entgegen, was Dore O. als malerische Qualität der Polaroids selbst beschreibt. Im Maße ihre technische Unvollkommenheit liegt eine besondere Wertigkeit, die der klassischen Fotografie mit ihrer potentiellen Möglichkeit zur Schärfe und Präzision entgegensteht. Unter diffusen Lichtverhältnissen erzeugen Sofortbilder ebenfalls aufgrund ihrer technischen Gegebenheiten eigene Farbwerte, die sich kaum mit konventionellen Seherfahrungen decken. Die Atmosphäre der Aufnahmen wirkt wolkig, verschwommen, scheint diffus und birgt in diesem Sinne eigene malerische Aspekte in sich.Ist die Aufnahme oder eine begrenzte Zahl von Aufnahmen erfolgt, wird das entstandene Foto im Sinne einer malerisch zeichnerischen Gestaltung weiterbearbeitet. Dore o. verletzt dabei die fotografischen Schichten, hebt sie zum Teil ins Relief, strukturiert die Oberfläche und betont dabei gerade in der Zerstörung des ursprünglichen Abbilds das Abgebildete in seinem Sinngehalt. Das zu bearbeitende Polaroid-Foto wirkt dabei, einem Fotoalbum nicht unähnlich, wie ein Behälter individueller Erinnerung, die zu einem fotografischen Abbild wurde. Die Unmittelbarkeit der schnellen und kaum veränderbaren Bildherstellung regt an, sich mit Körpern – auch dem eigenen – und mit ihrer unmittelbaren Umgebung zu befassen. Dieser Aspekt steht in Zusammenhang mit dem Phänomen, dass dem Polaroid-Foto eine eigene Intimität und Einmaligkeit innewohnt – als sei der Betrachter heimlicher Augenzeuge privatester Augenblicke. Diese Delikatesse entsteht auch durch die Nähe zum Gegenstand, dessen Körperlichkeit durch die Polaroid Farben gleichzeitig sinnlich übersteigert und abstrakt verallgemeinert wird. In diesen Bereich Nähe greift die Künstlerin malerisch ein. Dore O’s weiteres Vorgehen der Bildbearbeitung ist dabei zwar subversiv und unterminiert, worauf unser festgefügtes vom fotografischen Sehen geprägtes Weltbild sich gründet; doch die Bearbeitung der Abbilder ist durchaus analytisch und spielerisch zugleich. Sie setzt Zeichen und hinterlässt Spuren in der abgebildeten Wirklichkeit. Die Verletzungen, die sie den Abbildern im Grade ihrer Bearbeitung zufügt, zerstören nicht, sondern geben den Bildern Halt, verdichten sie und entziehen sie gerade dadurch dem Zustand der Momentaneität und fixieren sie als überzeitliche Struktur. Das Sofortbild wird selbst zum Gegenstand, so dass ein nachvollziehbarer Dialog zwischen Objekt und Bild entsteht, in dem sich neue Assoziationen einstellen und verarbeitet werden. Dieser Prozess, dem die Künstlerin sich selbst und das Foto unterzieht, ist auch gerade in dem Maße ein in erster Linie aktional-malerischer Prozess als stets das Risiko des Scheiterns besteht, denn das Sofortbild besitzt kein Negativ und ist als Foto ein nur mittelbar reproduzierbares Unikat. Dazu tritt ein Zeitfaktor, da die Aufnahme lediglich kurze Zeit nach ihrer Belichtung künstlerisch bearbeitet werden kann. Misslingt der malerische Eingriff, ist das Bild zerstört. Dore O. selbst hat ihre Arbeiten einmal Foto-Grafiken genannt bei denen die Fotografie und die zeichnerisch-malerische Be-und Überarbeitung zwei Phasen im Herstellungsprozess ihre Kunstwerke sind. Der Begriff der Fotografik wurde ursprünglich 1920 von dem deutschen Chemiker und Fotografen Erwin Theodor Quedenfeld als Ausdruck für die zeichnerischen Überarbeitungen von Fotoprogrammen geprägt. Es handelte sich um eine Arbeitsweise, die „eigentlich weder Fotografie noch Zeichnung ist“, wie ein Kritiker äußerte. In den 30er Jahren Fotografik „künstlerisch komponierte Lichtbilder, die wohl aus einer Kameraaufnahme entstanden, jedoch weitestgehend Maße der Beeinflussung durch die Hand des Autors unter Benutzung von Positiv – und Negativretusche und anderer technischer Kunstgriffe unterliegen“. Bei Dore O. ist das im Polaroid-Verfahren hergestellte Foto dabei das Grundelement, aus dem im direkt anschließenden Bearbeitungsgang eine dem Original-Negativ äquivalente Form erstellt wird, die im letzten Schritt vergrößert wird zum eigengentlichen Kunstwerk.Dore o. interessiert in diesem Herstellungsprozeß keine wie immer geartete Ästhetik der materiellen Zerstörung oder die Fixierung von Spuren des Herstellungsprozesses, sondern die angestrebte formale Setzung ist eine im hohen Maße malerische, was sich darin manifestiert, dass nach Fertigstellung des Bildformulierungen die Polaroids vergrößert werden, zum Teil bis ins monumentale Format. Doch auch jene dem Original-Negativ in der Fotografie verwandten überarbeiteten Polaroids selbst sind mehr als Negative und können – da natürlich auch Positive im Original unvergrößert, meist in Serien zusammengefasst, Eigenständigkeit behaupten. In diesen bearbeiteten Polaroids tritt dann die zeichnerische Überarbeitung auch noch stärker als Akt des Eingriffs ins wahrnehmende Bewusstsein, da hier die Störungen in den Beschichtungen der Oberfläche als Risse und als Spuren deutlich werden, die dem Bild Struktur und Relief verleihen. Wenn man wie Peter Weibel in seiner „kleinen polariod-philosophie’“ sagen kann: Im Sofortbild kommt die Fotografie zu sich selbst, so hat dies mit dem autonomen Charakter dieses Materials zu tun. Als Labor im Bild, als Aufhebung von Positiv und Negativ in einem „chemischen Sandwich“.Die Titel, die Dore O. den Arbeiten gibt, verweigern eine Deutung beziehungsweise eine Eindeutigkeit in der Zuordnung. Sie verstärken vielmehr die Ambivalenz der Bilder und fügen ihnen eine weitere Sinnschicht hinzu. „Der Titel erklärt noch lange nicht das Bild und umgekehrt“. Sie geben aber eine Ahnung von den Themen, denen sich die Künstlerin in ihren Serien aussetzt. Das Einzelbild wird zur Verdichtung von Situationen und Abfolgen, als ob eine Sequenz hier in einer einzelnen Darstellung konzentriert sei, und das verdichtete einzelne Bild wird einem Geschehen und damit einer Serie zugeordnet. Nur selten entstehen isolierte einzelne Arbeiten, die jedoch auch im Grade ihrer Prozeßhaftigkeit ein Davor und ein Danach intendieren. Ähnlich wie in ihren filmischen Arbeiten verstrickt Dore 0. den Betrachter in Erlebnisgeschichten, die sich in vielfachen Ebenen vollziehen und von den Betrachtern aktiv mit vollzogen werden.Wie eng gerade jene Beziehung zwischen Film und Fotografie Werk von Dore o. gesetzt ist, wird in den Fotografischen Serien deutlich, die in den letzten Jahren entstanden sind und in denen der malerische Eingriff in das Foto durch die Kombination von einzelnen Bildern hervorgerufen ist. In diesen Arbeiten entstehen zunächst zwei Polaroid aufnahmen, die zeitlich aufeinanderfolgend fotografiert werden, und die im zweiten Schritt während des Entwicklungsprozesses so zusammengebracht werden, dass sich chemische Prozesse einstellen, die das dann entstandene „Doppelbild“ malerisch bestimmen und eine Farbigkeit hervorrufen, die außerhalb natürlicher Seherfahrungen angesiedelt ist. Aus den beiden ursprünglichen Fotografien wurde ein Bild, das alle Informationen seiner Vorgänger in sich trägt und darüber hinaus in der unauflösbaren Verknüpfung dieser sich zum Teil widersprechenden Bildsetzungen ein neues, dichtes und strukturelles Sehangebot bereithält. Die Vielschichtigkeit von Aspekten wird in diesen – einer filmischen Überblendung im Hintereinander für den Betrachter anbietet, setzt Dore O. in ihren Polaroid-Doppelbildern eine Situation ins Bild, die jene Ereignis-Sequenz simultan erfahrbar macht, so fast als habe man ein Stück Film im Bild fixiert.

Gabriele Uelsberg

Dr. Erwin Land, Gründer, Präsident und leitender Wissenschaftler der Polaroid Corporation, aus: Time-Life-Buch, New York 1973

Dore 0. in einen Statement abgedruckt in: Ausstellungskatalog „Format Galerie S, Mülheim an der Ruhr 1990

Jan. Neumann, Der Einfluß des Modernismus auf die Lichtbildnerei der Gegenwart. In: Camera (Luzern/Zürich) 8 Jahrgang, Nr. 11, 1930, Seite 293

Peter Weibel, kleine polaroid-philosophie, In: Das Sofortbild, Polaroid, hrsg. v. GJ.Lischka, Bern 1977, Seite 126

Georg F Schwarzbauer, Dore 0. Bilder und Photographien, in Ausstellungs talog zur Ausstellung im Städtischen Museum Mülheim an der Ruhr 26. November 1988 15. Januar 1989